Dienstag, 8. März 2016

Hochsensibel und/oder prophetisch? - Ein Beitrag von J. Hartl


Ein zartes Hallo!

Ich möchte in diesem Blogpost direkt zum Punkt kommen: Ich nehme in meiner Persönlichkeit einen beträchtlichen Anteil von Hochsensibilität wahr. Ganz viele Impulse, Reize, aber auch latente Dinge strömen auf mich ein und überfordern mich besonders, wenn ich erschöpft bin. Oft ist diese Situation für viele nicht nachvollziehbar, und ich kann es gut verstehen. 
Doch soll es nicht um Hochsensibilität an sich gehen (Was ist Hochsensibilität?), sondern um die Fragen:  

-Wie mit Hochsensibilität umgehen? 
-Was bedeutet das für einen Christen? 
-Kann ich alles für bare Münze nehmen, was bei mir durch den Wahrnehmungsfilter gelangt? 
 
In diesem Post möchte ich den Theologen und Gründer des Gebetshauses Augsburg Johannes Hartl zu Wort kommen lassen, der meiner Ansicht nach den Finger auf einen Punkt legt, der bei weitem noch nicht im Bewusstsein verbreitet ist. Zudem appelliert er auch an sich selbst, da er ebenfalls hochsensibel ist. Das, was ihr im Folgenden lest, hat er auf Facebook gepostet. Johannes,  vielen Dank, dass ich deinen Beitrag auf meinem Blog veröffentlichen darf!

Eine gute Lektüre wünscht euch
Bernadette
Hochsensibel und/oder prophetisch?

Es gibt Menschen, die nehmen alles wahr. Dass Jan in Erika verliebt ist. Dass es Manu nicht gut geht. Dass der Chef gestresst ist. Und manchmal kann man es auch gar nicht recht in Worte fassen, doch irgendwas stimmt nicht. Oft sind es Frauen, die so empfinden. Doch bei Männern ist es nicht weniger häufig, nur fällt es bei ihnen noch öfter gar nicht auf. Manche Menschen haben auch einfach gelernt, ihre Empfindungen abzutöten. 


Besonders viel wahrzunehmen, ist zunächst schlicht eine Gabe. Alle Menschen haben emotionale Sensoren, bei manchen sind sie aber besonders stark ausgeprägt. Ob man das jetzt mit dem nicht unumstrittenen Fachbegriff „hochsensibel“ bezeichnet oder nicht: jede Gabe hat Vor- und Nachteile. Für einen wirklich hochsensiblen Menschen liegen die Nachteile auf der Hand: die Verarbeitung all der emotionalen Eindrücke ist anstrengend, deshalb geht für hochsensible Menschen auch vieles viel zu schnell. Zu Unrecht werden sie dann als langsam oder schüchtern bezeichnet. Es geht einfach alles viel tiefer, weil die Wahrnehmung detaillierter und umfassender ist…

Über das Thema Hochsensibilität gibt es gute Bücher, doch ein Thema beschäftigt mich immer wieder. Was ist der Unterschied zwischen „ich nehme etwas wahr“ und dem, was die Bibel prophetisch nennt? Zunächst zum Letzteren: Christen glauben, dass Gott mit Menschen kommuniziert. Wie genau er das tut und wie konkret er heute noch spricht, da gehen die Meinungen auseinander. Doch ich behaupte mal, dass die meisten irgendwie religiösen Menschen glauben, dass es Ideen und Gedanken geben kann, die einem „von oben“ geschenkt werden. Und ja, ich persönlich glaube ganz entschieden daran, dass auch Gott heute noch spricht. 

Das Problem ist: für einen hochsensiblen Menschen ist es relativ einfach, mit seinen Sensoren viel wahrzunehmen. Doch ist es deswegen automatisch „von Gott“? Ich behaupte: eher nicht. Ein Beispiel: es ist meines Erachtens für Menschen mit sehr wachen Sensoren sehr leicht, charakterliche Schwächen oder Sünden an einem Menschen wahrzunehmen, auch wenn man nur wenig von ihm/ihr sieht. Manch hochsensibler Mensch, der diesen Text liest, wird mir wohl zustimmen. Doch meine Frage ist: was ist die Perspektive Gottes auf diesen Menschen? Sieht er in erster Linie die Schwäche und die Sünde? Oder sieht er in erster Linie einen Menschen, den er erschaffen hat und liebt? Und wie möchte Gott, dass wir die Menschen sehen?


Ein anderes Beispiel. Angst kann man wahrnehmen. Ein Leiter, der starke emotionale Sensoren hat, kann spüren, wenn die Menschen, die er führt, Angst haben. Diese Wahrnehmung ist an sich wichtig und hilfreich. Doch bedeutet es, dass er unbedingt auf die Angst reagieren soll? Oder soll er eher mutig vorangehen und aus einer Haltung der Zuversicht heraus agieren?
Antwort: beides kann richtig sein! Doch es ist eben noch nicht in der Wahrnehmung enthalten. Und hier komme ich zu meiner These: ich glaube, dass es zwischen der Wahrnehmung eines emotional sehr sensiblen Menschen und dem Prophetischen noch einen deutlichen Unterschied gibt. Einen Unterschied jedoch, den manch wahrnehmungsintensiver Mensch nicht erkennt. Allzu oft werden die Empfindungen 1:1 für „die geistliche Realität“ und „das eigentlich Wahre“ genommen. 


Weil hochsensible Menschen so oft erlebt haben, dass sie in ihren Empfindungen richtig lagen und alle anderen nichts gecheckt haben, fehlt ihnen manchmal das ergänzende Element. Welches wäre das? Keines, das ihre Wahrnehmung übergeht oder verneint (denn tatsächlich stimmt die Empfindung meistens!), sondern eines, das sie in einen größeren Kontext stellt. Hier liegt die große Chance von Ergänzung in einem Team oder einfach durch den Partner oder einen guten Freund. Die größere Wahrheit - und eben auch das prophetische Reden Gottes und seine Perspektive darauf - kann mitunter genau das Gegenteil von dem sein, was man wahrnimmt. Im Leben eines Menschen ist Geiz, doch der Herr spricht vielleicht: "Du bist eigentlich ein großzügiger Mensch, lass dich nicht länger von der Lüge fesseln, an die du dich gewohnt hast, dass du geizig seist!" 


Hochsensible Menschen neigen nicht selten zu starker Wahrnehmung einer einzelnen Situation. Die Gefahr besteht dann, den größeren Zusammenhang aus dem Blick zu verlieren. Die Kunst bestünde also darin, das Gewicht der Einzelsituation voll ernst zu nehmen, doch sie in das größere Ganze einzureihen. Und das kann mitunter auch bedeuten, etwas zu tun, was der Wahrnehmung momentan widerspricht. 


Bist Du ein Mensch, dem es leicht fällt, vieles wahrzunehmen? Vielleicht leidest Du manchmal darunter, dass Du soviel wahrnimmst? Und Du fühlst Dich manchmal umgeben von so viel Dunklem und Schmutzigem, das Du wahrnimmst, dass es Dich selbst runterzieht?
Hier ein paar Tipps:

1. Du bist nicht Opfer Deiner Wahrnehmung. Eine schwierige Aufgabe, doch eine, die nützlich ist wie der Muskelaufbau: nimm Dir Zeit, Deine Wahrnehmung zu sortieren. Aufschreiben kann dabei helfen. Lege die Wahrnehmung gleichsam „vor Gott hin“ und stell Dir dann die Frage: kann, darf und soll ich an diesem Punkt etwas unternehmen? Und wenn nicht, lass die Wahrnehmung los. Wenn Du versuchst, etwas zu unternehmen, wozu Du gar nicht befugt bist, wird das leicht manipulativ und intrigant. Ein Beispiel: eine hochsensible Schwiegermutter will ja nur das Beste und erzählt den Freunden ihres Sohnes, was dieser in seiner Ehe anders machen sollte. Weil sie ja alles so klar wahrnimmt!!! Ganz ganz schlecht… Hier ist der Schlüssel, die eigene Wahrnehmung erst zu sortieren, zu verarbeiten und dann aus echter Entscheidungsfreiheit heraus und nicht getrieben von den Emotionen der Wahrnehmung zu prüfen, was der sinnvolle nächste Schritt wäre-

2. Suche andere Perspektiven. Hochsensible Menschen sind manchmal nur mit anderen hochsensiblen befreundet. (Das trifft auf alle Menschen zu: man sucht sich meist nur Freunde, die die eigene Weltsicht bestärken.) Gerade in einem größeren Team kann es entscheidend sein, auch von eher aktionsorientierten oder extrovertierten Mitgliedern zu hören, wie sie es empfanden. Es gibt nicht wenige Menschen mit ausgeprägten emotionalen Sensoren, die besonders gut darin sind, Probleme wahrzunehmen. Da kann es überaus hilfreich sein, zu hören, dass die Probleme vielleicht nur einen kleinen Prozentsatz der Beteiligten betrafen.
 
3. Kümmere Dich um Dein eigenes Herz. Es gibt viele Menschen, deren soziale Sensoren ständig „so weit draußen“ sind und auf Hochtouren laufen, weil sie dadurch der quälenden Beschäftigung mit sich selbst entfliehen. Tatsächlich mussten manche schon als Kinder so starke Sensoren entwickeln, weil das Beziehungsumfeld in der Familie immer instabil und unvorhersehbar war. Eine Grundversuchung für so jemanden wird stets sein, in Beziehungen und im „Spüren“ von einem Gegenüber etwas zu suchen, was man selbst nicht hat. Suchthafte Abhängigkeitsbeziehungen und schreckliche Enttäuschungen sind dann vorprogrammiert. Die große Lebensaufgabe für einen solchen Menschen bestünde darin, herauszufinden, wer man selbst ist. In sich selbst nach Hause zu finden. Und das wird nur klappen, wenn man den Vater entdeckt, der die Quelle des eigenen Lebens ist. Ein hochsensibler Mensch, der gelernt hat, bei Gott zur Ruhe zu kommen, ist eine unschätzbare Gabe an die Welt. Ohne diese innere Beheimatung wird er dazu neigen, andere zu manipulieren und sich und andere dabei Schmerzen zufügen.
 
4. Frage Gott um seine Perspektive. Wir dürfen Gott mit großer Zuversicht bitten, dass er unsere einseitige Wahrnehmung ergänzt: „Fehlt es aber einem von euch an Weisheit, dann soll er sie von Gott erbitten; Gott wird sie ihm geben, denn er gibt allen gern und macht niemand einen Vorwurf.“ (Jak 1,5) Ich nehme Angst wahr. Doch bedeutet das, dass wir rücksichtsvoll einen Schritt langsamer gehen sollen? Oder sollen wir gerade eben mutig vorangehen? Das ist eine Frage, in der man sich nicht nur auf das eigene Gefühl, sondern auf Gottes Reden verlassen sollte! Ich nehme wahr, dass dieses Teammitglied traurig ist. Doch bedeutet das, dass ich mich intensiv um ihn oder sie kümmern soll, oder darf ich ihm/ihr diesmal bewusst zumuten, sich selbst duchzubeißen? Oder gibt es jemand anders, dessen Verantwortung es wäre, sich darum zu kümmern? Auch hier ist es entscheiden, nicht davon auszugehen, dass eine Empfindung schon Reden Gottes ist. 

Was wäre die Welt ohne Menschen, die wache Sensoren haben? Wie für alle Menschen gilt, dass wir am besten im Team spielen. Und Ergänzung brauchen. Und dass jede Gabe ihre Versuchungen mit sich bringt. Es wäre ein großes Geschenk, wenn wir alle besser verstünden, wie wir mit sozialen Empfindungen gut umgehen, das Reden Gottes klarer unterscheiden lernen, das jedenfalls nehmen meine Sensoren gerade wahr ;-)

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